Gespräch mit einem Toten, der lebt

Klemensaltar
Maria am Gestade

Vor dem Reliquienschrein in Maria am Gestade

Lieber Bruder Klemens, vor 250 Jahren bist du etwa 100 km nördlich von Wien geboren. Wie keine andere hast du die Kaiserstadt an der Donau geliebt – und ihr gleichsam dein Herz und deine letzten Kräfte geschenkt. Als du einst auf der Flucht warst, hast du, unermüdlicher Wanderer, dich gefragt: „Wo werden wohl einst meine alten Knochen ruhen?" Damals hast du sicher nicht geahnt, dass dereinst deine Gebeine als Reliquien hier in Maria am Gestade verehrt würden. Wir nennen dich den zweiten Gründer der Redemptoristen, wir nennen dich Apostel und Patron der Stadt Wien. Darum ist dein Reliquienschrein hier total am richtigen Ort: hier in der altehrwürdigen Wiener Kirche, die an das Kloster der Redemptoristen angrenzt, das dir der Kaiser höchstpersönlich bei deinem Tod übergeben hat – für uns Redemptoristen.

Lieber Bruder Klemens, wenn ich jetzt hier an deinem Grabmal den Film deines Lebens vor meinem geistigen Auge vorbeiziehen lasse, überkommt mich eine stille Wehmut. Ich denke daran, wie du während fast drei Jahrzehnten gerungen hast, um Priester zu werden; wie dein großartiges Lebenswerk in Warschau auf Knall und Fall brutal zerschlagen wurde; wie du von deinen geliebten Mitbrüdern getrennt in die Verbannung gejagt wurdest. Besonders aber muss es dich geschmerzt haben, dass die vielen Versuche, unserer Ordensgemeinschaft außerOrdensgemeinschaft ausserhalb Italien eine Niederlassung zu sichern, jämmerlich scheiterten. Dein Freund, der Kanonikus Zacharias Werner, hat deine fixe Idee so umschrieben: „Hofbauer würde ein vollkommener Heiliger sein, wenn er nicht bei allen Gelegenheiten hauptsächlich auf die Gründung und Förderung seiner Missionshäuser bedacht wäre." Und Du hast immer gesagt: „Nur Mut Gott lenkt alles". Dein Vertrauen sollte belohnt werden. Dein großer Wunsch ging in Erfüllung, aber erst an deinem Sterbetag oder kurz darnach.

Ende 1818 haben deine Gegner zugeschlagen.

Sie haben ausfindig gemacht, dass Du Mitglied einer ausländischen Ordensgemeinschaft bist. Das wäre ein Grund, dich des Landes zu verweisen. Eines Tages kamen drei Agenten. Alle Winkel deiner Wohnung wurden durchsucht. Dann folgte ein peinliches Verhör von drei Stunden. Man stellte dich vor die Alternative: entweder aus dem Orden der Redemptoristen austreten oder das Land verlassen. Du hast nicht gezögert: Lieber noch einmal die liebgewonnene Heimat verlassen, als untreu werden. Dem Kaiser wurde Bericht erstattet. In jenem Dokument voller Lügen heißt es, du habest den Wunsch geäußert, Österreich zu verlassen. Der Monarch reagierte so: „Nun, wenn P. Hofbauer selber gehen will, habe ich nichts entgegen, aber ich hätte ihn als Landeskind nicht fortgeschickt." Am 26. Dezember (es war dein 67. Geburtstag!) hat der Kaiser deine Ausreise gebilligt. Dann hast du dem Erzbischof Hohenwart geschrieben, du würdest Österreich verlassen, zwar nicht freiwillig, aber notgedrungen. Danach hat der Erzbischof dem Kaiser den wahren Sachverhalt geschildert und hinzugefügt: „Ich verliere meinen besten Priester." Der Monarch ordnete bei der Hofkanzlei eine Untersuchung dieser Affäre an. So flog dann der ganze Schwindel auf. Nachdem der Monarch von seiner Italienreise im August 1819 wieder nach Wien heimgekehrt war, hat der Kaiser dich in Audienz empfangen. Du hast ihn gebeten um Zulassung deiner Kongregation in Österreich. Auch von Maria am Gestade war die Rede. Bereits im März 1820 war das kaiserliche Dekret über die Zulassung der Kongregation unterschriftsbereit. Da hat dich der Tod zu Gott heim geholt.

Gewisse Historiker wollen wissen, der Kaiser habe das Dekret der Zulassung an deinem Sterbetag unterschrieben. Wie dem auch sei – genau fünf Wochen nach deinem Tod erschien die kaiserliche Verordnung über die offizielle Einführung der Kongregation in Österreich. Der Inhalt des Dokumentes ist eindeutig: Die Kongregation der Redemptoristen sei in Wien zu errichten, der obere Passauerhof sei zu ihrem ersten Kloster und das angrenzende Gotteshaus Maria am Gestade zur Kirche der Redemptoristen bestimmt.

Lieber Bruder Klemens, wenn ich hier vor deinem Reliquienschrein knie, kann ich nur staunen. Du warst verwurzelt in den verschiedenen Schichten der Gesellschaft. Es gelang dir, die Gebildeten und Adligen ebenso anzusprechen wie das einfache Volk. Du warst Akademikerseelsorger und Studentenpfarrer, Künstlerbeichtvater und Fürstenberater. Als wahrer Apostel warst du nach dem Vorbild Christi für alle da.

Und was hast du hier in Wien nicht alles geleistet – mit den Laien und durch die Laien! Du selber warst weder Dichter noch Schriftsteller. Aber du warst dir bewusst, welchen Einfluss die Presse hat. Du hast dieses Kommunikationsmittel als eine Art Dauerkanzel betrachtet, von der her die Leute fortwährend beeinflusst werden. Wohl darum hast du in Wien eine Leihbibliothek eröffnet. Deine Schüler haben Zeitschriften gegründet. Wenn du bei einem deiner Freunde eine schriftstellerische Begabung entdecktest, hast du ihn ermutigt, zur Feder zu greifen. Fast zwei Dutzend deiner Freunde und Schüler haben sich schriftstellerisch betätigt. Was würdest du wohl heute im Zeitalter der Medien und des Internet wagen?

Lieber Bruder Klemens, in deiner kirchlichen Einstellung warst du nach unserm heutigen Verständnis wohl eher „konservativ". In deiner Seelsorge jedoch hat dich wahrscheinlich nicht zuerst die Alternative konservativ oder progressiv interessiert. Dir ging es vor allem um das Hinführen zum Glauben und zum eigentlichen Ziel des Glaubens, also zum Wesentlichen des Christentums. Etwa nach dem Motto: Weg vom Rand – hin zur Mitte, weg von der Oberfläche – hinein in die Tiefe! Wir dürfen und wollen heute dich und dein Apostolat nicht kopieren. Aber wir können von dir lernen, auf was du in deiner Pastoral den Akzent gesetzt hast:

a) Auf das Spirituelle, d.h. auf den Weg in die Tiefe, auf das praktisch gelebte Christentum, auf das Erleben und Erneuern des Glaubens. Wo der Geist (spiritus) fehlt, da fehlt auch das „BeGEISTernde", nämlich die Freude am Glauben und aus dem Glauben. Du warst zugleich ein Tatenmensch und ein Mystiker. Ein Mystiker der Tat. Als man dich in Rom verklagte, weil du dich zu viel in die Arbeit stürztest, hast du dem Generalobern geschrieben: „Mit dem aktiven Leben verbinden wir das kontemplative. Dem äußeren Leben suchen wir Feuer und Geist einzugießen. Ohne die Salbung des Heiligen Geistes kreischen die Wagen der apostolischen Arbeiter."

b) Auf das Therapeutische. Die Menschheit blutet aus tausend Wunden. Vielleicht heute mehr denn je brauchen wir eine therapeutische Kirche. Wie oft ist in der Bibel die Rede vom heilenden Gott. Christus, der Heiland, hat seiner Kirche den Auftrag gegeben, zu befreien, zu erlösen, zu heilen: „Geht und heilt." Du hast in Wien vorgelebt, wie eine therapeutische Seelsorge aussehen könnte. Darum hast du dich besonders der Menschen in Not angenommen: der Sünder, der Armen, der Kranken und Sterbenden, der vernachlässigten Jugend, der Menschen, die nach dem Lebenssinn suchen.

c) Auf das Frohmachende und das Beglückende unseres Glaubens. Glaube macht froh! Für dich war es klar, dass Angst machen und Zwang ausüben die schlechtesten aller Seelsorgsmethoden sind. Genügend Zeugen sagen von dir, du seiest beim Predigen „kein Polterer" gewesen, sondern der Verkünder einer guten Nachricht, der Frohbotschaft. Immer wieder hast du betont, den Glauben müsse man feiern. Schon in Warschau machte ein Lob die Runde: „In dieser Kirche von St. Benno war es, als würde ein ununterbrochenes Fest gefeiert." Die berühmte Sophie Müller schrieb über dich: „Ich habe nie einen Mann gesehen, der einem das Christentum so lieb zu machen weiß, als er."

Lieber Bruder Klemens, ich ärgere mich immer, wenn man die Heiligen als fehlerlose Übermenschen oder als in jeder Hinsicht unerreichbare Tugendvirtuosen hinstellt. Sicher, du hattest deine Fehler und Schwächen. Und trotzdem hast du nicht gegen dich selber gewütet. Wahrscheinlich hast du oft gestöhnt: „Klemens, verzeihe dir selbst, dass du ein Mensch bist."

Jetzt muss ich lachen. Bruder Klemens, sei mir bitte nicht böse. Ich denke daran, wie du eines Tages deinen Mitbrüdern in Wien davon gelaufen bist. Kurze Zeit lebte mit dir im Zinshaus der Ursulinen nebst P. Martin Stark noch P. Johannes Sabelli. Mit P. Stark hast du dich sehr gut verstanden. Zwischen dir und P. Sabelli hingegen kam es manchmal zu Spannungen. Wieder hatte dich dein Untergebener geärgert. Und du, der Generalvikar der Redemptoristen, bist aufgebraust: „So macht doch was ihr wollt. Ich habe es satt, mit euch zu bleiben. Ich verreise nach Amerika." Du hast dein Bündel geschnürt. Und schon warst du draußen. Bald hat sich dein Ärger gelegt. In Gedanken versunken, kamst du zur Kirche Mariahilf. Vor dem Bild der Madonna überkam dich bittere Reue. Du hast eingesehen, in welch dumme Lage du dich versetzt hattest. Was soll ich tun? Heimkehren? Unmöglich! Da werden mich die Mitbrüder fragen, ob ich schon ganz Amerika bekehrt habe. Nein, das darf ich als Oberer mir nicht leisten. Nach Amerika verreisen? Unsinn! Ohne Geld! Und…? In dieser ungemütlichen Lage habest du, so wird erzählt, zu Maria deine Zuflucht genommen: „Maria hilf. Die beste Lösung wäre, wenn die Mitbrüder kämen und mich bäten, wieder heimzukommen." Aber deine Mitbrüder kamen nicht. Schließlich bist du den Rosenkranz betend Richtung Oberösterreich weiter gegangen. Plötzlich hörtest du eilige Schritte. Die zwei reuigen Mitbrüder standen da. Ausser Atem. Sie baten dich um Verzeihung und flehten dich an, wieder nach Hause zu kommen. Und du sollst geantwortet haben: „Ja, wenn ihr euch bessern wollt." Kommentar überflüssig, du armer Bruder Klemens!

In deinem „Sündenregister" könnte man noch manches aufstöbern. Warst Du Ignaz Wessenberg gegenüber nicht unklug, als du ohne Rücksprache mit dem bischöflichen Generalvikar von Konstanz drei junge Kleriker in Luzern vom päpstlichen Nuntius zu Priestern weihen liessest? Ich weiss, ihr zwei seid typische Vertreter von zwei gegensätzlichen Strömungen innerhalb der kirchlichen Reformbewegung gewesen. Aber – warst du Wessenberg gegenüber nicht ein wenig ungerecht, als du seine kirchlichen Reformpläne in Bausch und Bogen verwarfst?

Lieber Bruder Klemens, ich mag dich, vielleicht gerade darum, weil auch du so menschlich und manchmal allzumenschlich warst. Ein fehlerhafter Heiliger, der sich annahm, ohne gegen sich selbst zu wüten; ein fehlerhafter Heiliger, der genug Humor hatte, sich wohlwollend „alter Esel und armer Pudel" zu schimpfen. Trotz deiner Misserfolge und der beständigen Verfolgungen warst du kein finsterer Mensch. Die Traurigkeit nanntest du „Dunst aus der Hölle". Du hast die Gelassenheit gepredigt und die heilige Sorglosigkeit der Kinder Gottes gelebt nach deinem Motto: „Nur Mut, Gott lenkt alles. Man muss hoffen gegen jede Hoffnung, denn was dem Menschen unmöglich erscheint, ist möglich bei Gott."

  1. Teil: Beim Namen gerufen, zum Priester berufen (1751-1785)
  2. Teil: St. Benno in Warschau (1787-1808
  3. Teil: Hofbauer der "Zweite Gründer der Redemptoristen"
  4. Teil: Der Apostel und Patron von Wien (1808-1820)
  5. Teil: Der Triumph eines Toten (1820)
  6. Teil: Gespräch mit einem Toten, der lebt