Der Triumph eines Toten

Grabplatte des ehemaligen Hochgrabes
Maria am Gestade

15. März 1820. Im Zinshaus an der Seilerstätte. Sechs Personen stehen am Sterbebett des Apostels von Wien: Hofbauers Freund und Arzt, Dr. Emanuel Veith, sein Beichtvater Franz Schmid, zwei junge Theologen Pajalich und Madlener, Professor Roman Zängerle und die Klostermagd Marianne. Kein Redemptorist kann dem Generalvikar im Sterben beistehen. Es ist Mittag. Die Glocken läuten und laden zum Gebet ein. Der Sterbende rafft seine Kräfte zusammen und haucht seine letzen Worte: „Betet, man läutet den Angelus." Alle knien nieder und beten. Wie sie wieder aufstehen, ist Pater Hofbauer tot. Der Generalvikar der Redemptoristen stirbt betend, in einem fremden Haus, nicht im Kloster; getrennt von seinen Mitbrüdern, die er liebte. Pater Martin Stark, der zurzeit als einziger Redemptorist in Wien weilt, liegt schwer krank im Bett. Die Todesnachricht schmettert ihn nieder. Er ist wie gelähmt.

St. Stephan, Riesentor

5.1. Ein Leichenzug wird zum Triumphzug 
(März 1820)

Die Nachricht vom Tod unseres Heiligen verbreitet sich wie ein Lauffeuer durch ganz Wien. Von überall her kommen seine Freunde und Beichtkinder. Das Sterbezimmer ist gedrängt voll. Die meisten weinen. Viele küssen die kalten Hände des Toten.

Scheinbar kümmert sich niemand um die Beerdigung. Der kranke P. Stark gibt nur die Weisung, der Generalvikar Hofbauer werde still und ohne große Feierlichkeiten beerdigt. Doch was dann geschieht, mutet wie ein Märchen an. Ein kostbarer Sarg wird ins Haus gebracht. Der sei gestiftet worden, heißt es nur. Dann kommt die Beerdigung. Vor dem Trauerhaus sammeln sich einige Grüppchen von Leuten an. Und ihre Zahl wächst und wächst und wächst. Vornehme Herrschaften werden im Wagen in die Johannesgasse gefahren. Studenten, Seminaristen, Priester, Professoren treffen ein. Der Trauerzug setzt sich in Bewegung. Zwölf Jugendliche tragen den Sarg. Von allen Seitenstraßen und Gassen strömen immer noch Menschen zusammen. Ein Augenzeuge berichtet: „Ohne vorausgehende Einladung waren Tausende aus der Stadt und den entlegenen Vorstädten zusammengeströmt. Sehr zahlreich waren die Armen und beklagten mit lautem Schluchzen den Tod ihres Beichtvaters und Wohltäters." Auf einmal werden Kerzen ausgeteilt. Niemand weiß, wer sie gespendet hat. Die Trauerprozession wird zu einer Lichterprozession. Des Merkwürdigen noch nicht genug. Das sogenannte Riesentor des Stephansdoms wird nur höchst selten geöffnet, bei ganz außerordentlichen Anlässen für die vornehmsten Persönlichkeiten. Zum Staunen aller geht das Hauptportal auf. Niemand konnte je in Erfahrung bringen, wer diese ungewöhnliche Gunst erwirken konnte. „Alles hat die Liebe bereitet."

St. Stephan

5.2. Die Beerdigung des Apostels von Wien

Bald ist die Kathedrale bis auf den letzten Platz gefüllt. Der Dom kann nicht alle fassen. Auch die Theologiestudenten des erzbischöflichen Seminars sind vollzählig bei der kirchlichen Begräbnisfeier. Später will der Seminardirektor wissen, wer dazu die Erlaubnis gegeben oder wer das angeordnet habe. Niemand kann Auskunft geben. Es habe sich im Seminar herumgesprochen, alle sollten an der Feier teilnehmen, sagen die Theologiestudenten. Die kirchliche Begräbnisfeier beginnt. Zacharias Werner singt die vorgeschriebenen Gesänge. Seine Stimme zittert vor Rührung. „In St. Stephan waren alle Altäre mit vielen brennenden Kerzen besetzt; eine Menge von Schulkindern sangen so schöne Lieder, dass ich glaubte, die Engel singen zu hören" (Dorothea Schlegel). Nach der Feier wird der Leichnam in die Totenkammer übertragen. Am folgenden Tag findet im engsten Freundeskreis die Beisetzung auf dem sog. „Romantiker-Friedhof" von Maria Enzersdorf bei Mödling statt. Hofbauer selber hatte gewünscht, dort neben seinem grossen Vorbild, dem Exjesuiten Diessbach, beerdigt zu werden.

ehemaliges Grab 
Romantikerfriedhof
Maria Enzersdorf

Alle Zeugen stimmen überein: Die Beerdigung dieses armen Redemptoristenpaters war eine der großartigsten, die Wien je gesehen hat – ein wahrer Triumphzug. Friedrich Schlegel spricht am 18. März aus, was viele andere Freunde und Schüler Hofbauers ähnlich empfinden: „Ich bin einige Tage her in diesen großen Trauerfall so versunken gewesen, dass ich kaum etwas anderes habe denken können. Ich bleibe für jetzt noch bey dem ganz einfachen Gefühle stehen: hier ist ein heiliger und großer Mann entschwunden, und ich sehe nur die große Lücke vor mir."

Klemenskapelle
Maria am Gestade

Der Friedhof von Maria Enzersdorf wurde bald so etwas wie ein Wallfahrtsort. Unzählige begaben sich zu Hofbauers Grab. Viele seiner Freunde wünschten, in seiner Nähe beerdigt zu werden: Josef von Pilat und Gattin, Friedrich von Kleinkowström und Gattin, Baron Penkler, Adam Müller, Zacharias Werner und andere. 42 Jahre später, am 4. November 1862, werden die sterblichen Überreste Hofbauers nach Wien in die Redemptoristenkirche Maria am Gestade überführt. Im Jahre 1888 wird dann Papst Leo XIII. den apostolischen Mann Hofbauer seligsprechen. Unter Pius X. wird er 1909 als heilig und 1914 zum Stadtpatron von Wien erklärt.

  1. Teil: Beim Namen gerufen, zum Priester berufen (1751-1785)
  2. Teil: St. Benno in Warschau (1787-1808
  3. Teil: Hofbauer der "Zweite Gründer der Redemptoristen"
  4. Teil: Der Apostel und Patron von Wien (1808-1820)
  5. Teil: Der Triumph eines Toten (1820)
  6. Teil: Gespräch mit einem Toten, der lebt