Kapitel 4:
Der
Apostel und Patron von Wien
(1808-1820)

Nach dieser Rückblende kehren wir nun nach Wien zurück, wo Hofbauer im September 1808 als Verbannter ankam. Er war damals 57jährig. Sein großes Werk von St. Benno war zerschlagen. Seine großen Träume von den Klostergründungen waren wie Seifenblasen geplatzt. Eigentlich stand er vor einem Scherbenhaufen. Getrennt von seiner Ordensfamilie – im Exil! Der Heilige, den die Wiener später mit Stolz den „Patron der Stadt Wien" nennen werden, wurde bei seiner Ankunft „gebührend empfangen". Das offizielle Empfangskomitee stand bereit: die Polizei! Auf ihre Art hieß sie den Heiligen willkommen: sie verhaftete ihn, und zwar als vermeintlichen Kirchendieb. Als nämlich Klemens Hofbauer auf der Reise nach Wien war, haben die Sicherheitsbeamten in seinem Gepäck einige Kirchengeräte entdeckt, die er von St. Benno mitgenommen hatte. Die Polizisten meldeten das ihren Kollegen nach Wien. Als das Kirchengut in der Donaustadt ankam, wurde es beschlagnahmt. Und Pater Hofbauer verbrachte die ersten Tage seines letzten Wiener Aufenthaltes im Arrestlokal. Auf Vermittlung des Wiener Erzbischofs Graf Sigismund von Hohenwart wurde Klemens nach drei Tagen aus der Haft entlassen.

4.0. Hallo Wien! Liebe auf den ersten Blick?

Klemens Hofbauer liebte Wien. Aber es war nicht Liebe auf den ersten Blick. Er kannte die schöne Kaiserstadt schon seit langer Zeit. Wahrscheinlich hatte er bereits in seiner Jugend von Znaim und Klosterbruck aus die Stadt an der blauen Donau besucht. Hier hatte er als Bäcker gearbeitet; hier hatte er einen Teil seiner Studien absolviert; hier hatte er die großen Freundschaften fürs ganze Leben geschlossen mit Hübl, Diessbach, Penkler und andern. Von 1777-1806 hatte er sich hier wenigstens sechsmal aufgehalten. Und jetzt kam er zum letzten Mal nach Wien. Pater Hofbauer hatte zwar vor, sobald als möglich in ein anderes Land weiterzuziehen. Aber es wird anders kommen. Im Mai 1809 belagerte Napoleon die Stadt. An ein Weiterreisen war nun nicht mehr zu denken. In den 12 letzten Jahren seines Lebens wird Hofbauer die Stadt und die nächste Umgebung Wiens nicht mehr verlassen.

Zum Nichtstun verurteilt oder die schöpferische Pause? Damals zählte die Stadt Wien etwa eine Viertelmillion Einwohner. Dem Taufschein nach waren ungefähr 97% katholisch. Aber mit dem christlichen Glauben und der religiösen Praxis stand es gar nicht gut. Immer noch herrschte in Österreich der Geist der kirchenfeindlichen Aufklärung und des Staatskirchentums (des sog. Josephinismus). Die Ernte wäre groß, aber der Mann, „der die ganze Welt bekehren wollte", war vorerst zum Nichtstun verurteilt. Da kamen ihm seine Freunde, auf die er sich verlassen durfte, zu Hilfe.

Minoritenkirche, Wien

4.1. Aushilfspriester an der Minoritenkirche (1809-1813)

Freiherr Josef von Penkler war damals in Wien eine einflussreiche Persönlichkeit. Ihm gehörte die Burg Mödling und die Feste von Liechtenstein. Auch Maria Enzersdorf war auf dem Gebiet seiner Besitztümer. Zudem war er Administrator der Minoritenkirche. Als Freund und Gönner Hofbauers vermittelte ihm Baron Penkler die Stelle eines Aushilfspriesters in dieser Nationalkirche der Italiener. Zudem stellte er den Redemptoristen im sog. „Welschen Haus" zwei Zimmer zur Verfügung. Als Aushilfspriester hatte der Generalvikar der Redemptoristen nicht viel zu tun. Er durfte nur ganz selten predigen und an gewissen Tagen beichthören. Während vier Jahren von 1809-1813 leistete Hofbauer diese bescheidenen Aushilfen. Unauffällig begann er, in der Stadt zu wirken als Beichtvater und Ratgeber der Menschen, die immer zahlreicher bei ihm Hilfe suchten.

St. Ursula
Gemälde, Maria am Gestade

4.2. Apostel von Wien: der Großstadtseelsorger

Erzbischof Hohenwart, ein anderer einflussreicher Mann, war unserm Heiligen sehr gewogen. Im Juli 1813 ernannte er ihn zum Beichtvater der Ursulinen und zum Direktor der Kirche St. Ursula in der Johannesgasse. An der Seilerstätte besaßen die Ordensfrauen ein kleines, dreistöckiges Zinshaus. Am 18. Juli bezogen Pater Hofbauer und Pater Stark ihre neue Wohnung. Dem Generalvikar standen im zweiten Stock ein Zimmer und ein kleiner Nebenraum zur Verfügung. Der dritte Stock wurde reserviert für P. Martin Stark und die zwei Mitbrüder, P. Johannes Sabelli und P. Josef Forthuber, die der Generalvikar später aus der Schweiz nach Wien berufen wird.

Eine Ernennung zum Kirchendirektor von St. Ursula, ein Wohnungswechsel sind an sich recht unbedeutende Ereignisse. Und doch – gerade diese an sich unwichtigen Änderungen werden es Hofbauer ermöglichen, zum charismatischen Großstadtseelsorger, zum Apostel von Wien heranzureifen. Er hatte nun sein eigenes Haus, seine Kirche, seine eigene Kanzel, sein eigenes Sprechzimmer. Dieses Häuschen an der Seilerstätte wird fortan vieles sein: Hofbauers Arbeits- und Sterbezimmer, ein Kloster eigener Prägung, ein Treffpunkt berühmter Persönlichkeiten, ein Gesprächs- und Beichtzimmer, ein Versammlungsort für Jugendliche und Arme, ein missionarischer Ausstrahlungsort erster Güte. Alles in einem!

Es ist verblüffend, wie der Generalvikar in seinen Seelsorgsmethoden beweglich blieb. Im Alter von 57 Jahren entdeckte er mit seinem missionarischen Gespür die pastoralen Notstände einer Großstadt. Mutig entwickelte er in Wien neue Initiativen, einen echt neuen Typ missionarischer Seelsorge, der den konkreten Gegebenheiten am Ort meisterhaft angepasst war. Was der Apostel von Wien während kaum zehn Jahren in Bewegung gesetzt hat, grenzt an ein Wunder. Polizisten, die ihn immer wieder beschnüffelt haben, stellten fest: „Pater Hofbauer erscheint als ein wirklich gutmütiger, religiöser Fanatiker sehr de bonne foi, welcher um der Sitten-Verderbnis abzuhelfen, den Glauben an positive Religion, an die Offenbarung Jesu Christi herzustellen und wieder lebendig zu machen, zum großen Zweck hat."

Die Kanzel von St. Ursula

4.3. Der Apostel von Wien auf der Kanzel

„Der Glaube kommt vom Hören." Pater Hofbauer betrachtete die Verkündigung der Frohbotschaft als das wirksamste Mittel zur Glaubenserneuerung und Kirchenreform. Als er zum ersten Mal in St. Ursula den Sonntagsgottesdienst feierte, sorgte er für eine Sensation. Er fragte eine Schwester, wie es in der Kirche St. Ursula mit der Predigt stehe. Die Klosterfrau war verdutzt: „Was? Heute predigen? Das ist doch an gewöhnlichen Sonntagen verboten. Zudem fehlen die Zuhörer." Zur Verwunderung der Schwestern setzte sich Hofbauer über die josephinistische Gottesdienstordnung hinweg und stieg auf die Kanzel. Bald begann in der Stadt eine hartnäckige Flüsterpropaganda. Innerhalb kürzester Zeit war die Kirche von St. Ursula (die allerdings nicht sehr groß ist) Sonntag für Sonntag gedrängt voll mit Leuten aus den verschiedensten Ständen und Berufsschichten. Ein Bericht der empörten Polizei spricht von einem „ganz entsetzlichen Zulauf".

Das Evangelium neu verkünden. Hochtrabende Reden ohne evangelischen Gehalt, sowie alles Gekünstelte, Affektierte und Gesuchte waren Pater Hofbauer verhasst. Im Gegensatz zu vielen Modepredigern von damals griff er zur Bibel. Der berühmte Hofbauerschüler und Domprediger Dr. Emanuel Veith berichtet: „Sehr oft, ja fast täglich vernahm ich von ihm die feierlich und nachdrücklich ausgesprochenen Worte: Das Evangelium muss ganz neu gepredigt werden". Der Heilige versuchte, volksnah, schlicht und einfach den Leuten die Liebe Gottes, das Evangelium Jesu Christi und die Erlösung in Fülle „schmackhaft" zu machen. Seine Homilien hatten eher die Form eines Zwiegespräches. Seine Ausführungen haben mitgerissen und waren nicht langweilig, obwohl er oft „eine Stunde lang" predigte.

Auf der Kanzel übte Hofbauer geradezu eine magische Kraft aus. Anstatt theoretisch über diesen charismatischen Prediger zu spekulieren, hören wir das Zeugnis von gebildeten und bekannten Persönlichkeiten, denen wir zutrauen dürfen, dass ihr Urteil zutreffend ist. „Als Prediger war er bewunderungswürdig. Er hatte sich nie auf das Studium der Beredsamkeit verlegt. Dennoch habe ich niemals einen Prediger gehört, dessen Worte so mächtig auf das eine Notwendige hinzielten; daher kam es, dass er die Herzen von höchst Gebildeten wie des gemeinen Volkes in gleicher Weise mächtig bewegte" (Kardinal Rauscher). „Ich habe gewöhnlich alle Sonntage seine Predigt gehört. Ich habe noch nie einen solchen apostolischen Mann gesehen als Hofbauer es war. Seine Predigten waren voll Salbung und Einfalt, frei von Gelehrsamkeit und echt populär, geeignet für die Gelehrten und die Ungelehrten, die ihm mit Liebe zuhörten. Der Eindruck war außerordentlich. Die schönsten Bekehrungen, besonders der Jugend, waren die Folgen" (P. Madlener). „Heute früh hörte ich in der Kirche der Ursulinerinnen den Pater Hofbauer predigen, seine Rede rührte mich und gefiel mir ungemein. Solche Predigten können nicht ohne Wirkung auf das Herz der Zuhörer sein. Dieser Mann flößt ungemeines Vertrauen ein. Ich habe nie einen Mann gesehen, der einem das Christentum so lieb zu machen weiß, als er. Bei seinen Predigten denke ich oft: so müssten die Apostel gesprochen haben" (Sophie Schlosser). „Ich habe selbst gelehrte und gebildete Männer sagen gehört: Wenn ihr einen Apostel hören wollt, so geht in die Ursulinerkirche und hört P. Hofbauer an. Er predigt wie einer der Macht hat. Die Macht seiner Predigt kam von der Kraft seines Glaubens, der in ihm gleichsam eingefleischt war. Seine Predigten sind mir millionenmal lieber, als das gezierte und kläglich gestellte Reden so vieler anderen Aftergeistlichen" (Josef Anton von Pilat, Staatsbeamter und Privatsekretär des Fürsten Metternich). „Der Eindruck seiner Rede war so groß, dass die Zuhörer oft laut weinten und sagten: Einen solchen Prediger haben wir noch nie gehört. Ein Wort aus seinem Mund genügt mir für die ganze Woche" (P. Kramer). „Hofbauer ist ganz einzig. Ihn übertrifft niemand. Aus ihm spricht der Heilige Geist" (Zacharias Werner, damals gefeierter Schriftsteller).

Ähnliche Aussagen ließen sich beliebig vermehren. Hofbauer wurde von der Polizei belauert und streng überwacht. Fast jeden Sonntag war ein Spitzel unter den Zuhörern, der den Behörden einen Bericht abliefern musste. Einer der vielen Polizeirapporte beschreibt treffend Hofbauers Art: „Er ist ein eifriger Beförderer des lebendigen Glaubens, kein Moral-, sondern Dogma-Prediger; er versucht nicht durch den Verstand, sondern durch das Gefühl zu wirken; er beweist nicht mit Vernunftgründen, sondern durch Schrifttexte und deren Erklärung und Anwendung. Seine Predigten sind bloße Exegesen des Evangeliums oder aus dem Stegreif gehaltene Homilien".

Hofbauers Rhetorik und Vorbereitung auf die Predigt. Die hochgebildete Sophie Schlosser berichtet in ihrem Tagebuch, der Dichter Friedrich Schlegel und seine Gattin Sophie hätten Pater Hofbauer oft gebeten, ein wenig mehr Ordnung in seine Predigten zu bringen und etwas mehr Sorgfalt darauf zu verwenden. Mag sein, die Rhetorik im Sinne einer gut eingeübten Beredsamkeit war nicht seine Stärke. Hingegen hat er sich betrachtend und betend auf das Verkündigen des Gotteswortes eingestimmt. Eines Tages fragte der Heilige einen seiner Schüler, worin wohl die beste Vorbereitung auf die Predigt bestehe. Ohne die Antwort abzuwarten, klopfte er mit der Hand auf seine Knie, als wollte er sagen: Die Predigt muss man auf den Knien vorbereiten. Einer, der regelmäßig zu Pater Hofbauer kam, berichtet, dass sich der Heilige vor der Predigt in die Person des Erlösers und in sein Evangelium hinein geliebt habe: „Das Buch, das er studierte und zwar mit außerordentlichem Fleiße, war sein gekreuzigter Herr und Heiland" (P. Pajalich). Und Pater Johann Pilat meint, Klemens habe mit dem Apostel Johannes sagen können: „Was ich gehört, was ich mit meinen Augen gesehen, was ich geschaut und was meine Hände angefasst haben, das verkündige ich euch." Denn predigen heiße, nicht einfach nur eine Lehre vortragen, sondern eine persönliche Glaubenserfahrung weiter geben und Zeuge von Jemand sein.

Zusammenfassend können wir sagen: Die Wirkung seiner Predigten stand überhaupt in keinem Verhältnis zu den rhetorischen Mitteln, über die er verfügte. Er war nicht der geborene Redner, seine Predigttechnik wies große Mängel auf und sein Deutsch ließ viel zu wünschen übrig. Auf natürliche Weise ist dieses Phänomen seines Predigterfolges nicht zu erklären. Allgemein war man damals überzeugt, das Mitreissende von Hofbauers Predigten liege zuerst in der unerschütterlichen Glaubenskraft und in der besonderen Geistesgabe dieses Gottesmannes. „Seine Predigten waren hinreißende Glaubensakte."

Der Beichtstuhl von St. Ursula
Klemensmuseum 
Maria am Gestade

4.4. Der Apostel von Wien im Beichtstuhl

In Wien wurde Pater Hofbauer Seelenführer und Lebensberater von Menschen aus allen Berufs- und Gesellschaftsschichten. Zu seinen Beichtkindern gehörten Adelige und Reiche, Gelehrte und Künstler, Bischöfe und Universitätsprofessoren, kleine Handwerker und Arme. Er begann die Reform der Kirche von innen her mit einer erstaunlich vielseitigen Kleinarbeit. Seine Beicht- und Gesprächsseelsorge wirkte zugleich in die Breite und in die Tiefe. Die Feinde der Kirche erahnten sehr wohl den Einfluss dieses Apostolates. In einem Polizeibericht aus dem Jahre 1818 lesen wir, die schwärmerische Frömmelei sei jetzt wieder Mode und an der Tagesordnung. „Der Beichtstuhl aber ist das kräftigste Mittel, diese Mode lange aufrecht zu erhalten."

Für diese Form der Einzelseelsorge besaß Klemens ein besonderes Charisma. Hier wieder einige Zeugnisse. „Seine Menschenkenntnis im Beichtstuhl war wunderbar. Sie war nicht eine Frucht der Kunst, sondern eine Gabe von oben. Er hat den Menschen ganz durchschaut, jeden nach seinen Bedürfnissen behandelt, und dabei war er so väterlich und milde" (P. Madlener). „Die meisten Bekehrungen wirkte er als Beichtvater" (Johannes von Pilat). „Hofbauer war ein Kenner der Herzen, den niemand zu täuschen vermochte. Als Beichtvater zeigte er sich durchaus als väterlicher Freund und Führer; wer einmal bei ihm gebeichtet hatte, der blieb nimmer weg. Er hatte eine grenzenlose Barmherzigkeit mit den Sündern und übte über die Seelen eine große Macht aus, ohne sich dazu vieler oder gesuchter Worte zu bedienen" (Dr. Emanuel Veith). 1826 schrieb Georg Michael Wittmann in seinem Geschichtsbuch: „Hofbauer wirkte seit dem achten Jahr dieses Jahrhunderts unermüdet apostolisch in der großen Kaiserstadt Wien – als allgemeine Zuflucht der Sünder." „Die Großartigkeit Hofbauers war die eines Beichtvaters für die verlorenen Söhne, denen die Scham das Wort auf der Zunge ins Stocken bringt" (Anton Günther, Philosoph und Theologe).

Beichtkapelle im Ursulinenkloster

Seine Beichtzusprüche und Ratschläge waren meistens kurz aber treffend. Einer Mutter, die wegen ihres Sohnes in großer Sorge lebte, sagte er kurz und bündig: „Oft bringt es mehr, wenn die Mutter mit Gott über das Kind redet, als wenn sie mit dem Kind über Gott redet." Manchmal verband er den Beichtzuspruch mit einer Art Anschauungsunterricht. Nicht selten hatte er einen Kübel voll Wasser und einen Stein in seinem Beichtzimmer. Wenn jemand etwas ganz Schweres auf dem Herzen hatte, nahm Hofbauer den Stein und ließ ihn ins Wasser fallen. Dann sagte er: „Siehst Du was hier geschieht: der Stein lässt sich da hinein fallen und wird ganz vom Wasser umhüllt. Stell Dir nun das Herz des Erlösers vor wie ein Meer voller Liebe. Lass dich hinein fallen in dieses Meer und von der göttlichen Liebe ganz umhüllen."

Ein Pönitent rief den andern. Die Flüsterpropaganda wirkte. „Ich kann Ihnen freylich zum Beichtvater keinen bessern als Hofbauer vorschlagen" (Zacharias Werner). „Frau Schlegel lobte mir aufs neue außerordentlich den Pater Hofbauer. Als Beichtvater sey er noch trefflicher denn als Prediger." (Sophie Schlosser, in ihrem Tagebuch 1814). „Wenn Sie meinem Rate folgen wollen, so nehmen Sie diesen wahren Apostel des Glaubens, diesen würdigsten aller Priester, die ich kenne und die hier leider so selten sind, zu ihrem Beichtvater. Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort. Sie werden gewiss großen Trost bei ihm finden. Ich bitte Sie, folgen Sie mir" (Josef Anton von Pilat an die Gräfin Fuchs).

So ist es nicht verwunderlich, dass mit der Zeit eine große Anzahl von Menschen regelmäßig bei ihm das Bußsakrament empfing. Er verbrachte unzählige Stunden im Beichtstuhl. Sogar mitten im Winter ließ er sich bereits um drei oder vier Uhr morgens vom Nachtwächter wecken. Dann ging er hinaus zur Kirche „Am Platzl", wo meist schon Pönitenten auf ihn warteten. Von da kam er zurück zur Kirche der Ursulinen, wo sein Beichtstuhl fast täglich umlagert war. Die Liste berühmter Persönlichkeiten, die Hofbauers Beichtkinder waren, ist lang, sogar sehr lang: Adam Müller, Friedrich und Dorothea Schlegel, Friedrich Klinkowström und seine Gattin Luise, Friedrich und Sophie Schlosser, Maria Rizy (eine Nichte Grillparzers), Franz und Juliana von Széchényi, um nur einige wenige zu nennen.

4.5. Der Apostel von Wien bei der Jugend

In Wien war damals die Jugend, besonders die studierende Jugend, religiös stark vernachlässigt. Da gelang dem genialen Redemptoristenmissionar ein verblüffendes Kunststück. Seine kleine Wohnung wurde in den Abendstunden zu einem Treffpunkt der Jugend, vor allem der Universitätsstudenten. Das Klösterlein an der Seilerstätte war bald ein missionarisches „Jugendzentrum" oder ein pastoraler „Ausstrahlungsort" für die Jugend. Nach und nach entstanden die bekannten Abendzusammenkünfte. Diese verliefen recht spontan. Da gab es kein Reglement und kein Sitzungsprotokoll. Jedes Treffen entwickelte sich anders. Einmal war es eine Art von Forumsgespräch über religiöse Themen oder kirchliche Fragen. Eine andere Zusammenkunft glich den heutigen Bibel- oder Gebetsrunden. Viele dieser jungen Menschen wurden im Kontakt mit dem Heiligen wie umgewandelt.

Einer rief den andern. Diese Jünger Hofbauers taten, was die Jünger Jesu getan hatten. „Hatte einer den P. Hofbauer kennengelernt, so gab es ihm keine Ruhe, bis er auch andere von seinen Mitschülern zu im gebracht hat. Wir hatten eine ungemein große Freude, wenn wir erfuhren, dass dieser oder jener auch schon bei P. Hofbauer gewesen sei: denn einen solchen hielten wir schon für bekehrt. Eine so hohe Meinung hatten wir von P. Hofbauer" (P. Kral).

Sie wurden ihrerseits Apostel. „Alle diese (jungen Menschen) waren von Hofbauer für Gott gewonnen und mit Eifer für Religion und Frömmigkeit beseelt worden. Da diese in verschiedenen Teilen der Stadt und ihren Vorstädte wohnten, so waren sie gleich hellbrennenden Fackeln. Da sie die katholische Wahrheit gründlich kennengelernt und die Glückseligkeit eines wahrhaft christlichen Lebens gekostet hatten, so konnten sie den wiedergefundenen Schatz nicht verborgen halten, sondern suchten denselben in den Familien, in den Amtszimmern, im Umgange so viel als möglich bekannt zu machen. Und so wirkte der P. Hofbauer mittels dieser seiner jungen Beichtkinder, auch wenn er zu Hause war, vieles für Gott, rüttelte die Gemüter aus der religiösen Gleichgültigkeit auf, sprühte Feuer und Flammen, verbreitete Kraft und Leben in dem erschlafften Katholizismus des größten Teiles der Bürger" (P. Pajalich).

Seine Art mit den Jugendlichen umzugehen. „Den vielen jüngeren Leuten gegenüber, die oft zu 20 und 30 seine schmucklose staubige Wohnstube füllten, bediente er sich gar keiner Künste, keiner salbungsvollen Anreden u. dergl., es genügte ihnen, in der Nähe ihres Vaters zu sein. Wenn er von mühsamen seelsorglichen oder hilfebringenden Gängen, bei Sturm und Schneegestöber abends nach Hause kam und diese großen Kinder schon vorfand, hängte er seinen alten Mantel an die Türe und grüßte die Leutchen mit den nichts weniger als schmeichelhaften Worten: „Das ist mir ein Volk! Das ist ein Gesindel!" Und das tat den Versammelten so wohl, als hätte er ihnen das süßeste und höflichste Kompliment zugewendet" (Dr. Emanuel Veith).

Hofbauer nahm sich Zeit für sie. „Die jungen Menschen durften ihn auf seinem Zimmer besuchen, sooft sie nur wollten. Nie kamen sie ihm ungelegen: immer hatte er Zeit, sie zu empfangen, auch wenn er noch so sehr beschäftigt oder leidend war. Immer erweckte er den Eindruck, als hätte er sie schon erwartet. Er nahm sie stets mit derselben Zärtlichkeit auf, zeigte nie im mindesten, dass sie ihm um eine solche Zeit lästig waren" (P. Pajalich).

Pater Hofbauer liebte diese jungen Menschen und glaubte an sie. Am 8. Mai 1818 schrieb er in einem Brief an Sophie Schlosser:Wenn man konnte u. wollte, so würde hier unter der studierenden Jugend bald eine große Veränderung sein. Ich bin auch schon öfters verklagt geworden, als wenn ich die jungen Leute irrig machen würde. Es gibt unter diesen einige die der ersten Kirche Zierde seyn würden; ich kann sagen: einige sind wie Apostel u. suchen die Irrigen auf, um sie auf rechte Wege zu führen, u. so muss alles so geschehen wie in einem heidnischen Lande."

Hofbauers Art der Berufswerbung. In der Begegnung mit Pater Hofbauer durften die Jugendlichen echte Menschlichkeit eines Heiligen erfahren. Das hat sie begeistert und angezogen. Frau Sophie Schlosser drückt das so aus: „Hofbauer liebt diese jungen Leute zärtlich und erzieht gewiss in ihnen der Kirche vortreffliche Geistliche." Sie sollte recht bekommen. Als die Redemptoristen im Jahre 1820 kurz nach dem Tod ihres Generalvikars in Wien ein Noviziat eröffnen durften, haben sich auf einen Schlag mehr als 30 Kandidaten gemeldet. Zum größten Teil waren es Hofbauerschüler, von denen dann eine ganze Reihe in die Kongregation der Redemptoristen eingetreten sind. Sieben Hofbauerfreunde sind später Bischöfe geworden.

Ein Erziehungsinstitut für Jugendliche der höheren Gesellschaftsschicht. Der Apostel von Wien litt unter der Tatsache, dass gerade die Kinder und Jugendlichen der einflussreichen Eltern religiös vernachlässigt bzw. zu wenig christlich erzogen wurden. Darum sah er die Notwendigkeit, für Kinder adliger oder sonst einflussreicher Eltern ein Erziehungsinstitut zu gründen. Pater Hofbauer wagte den Versuch zuerst mit Adam Müller und später mit Friedrich von Klinkowström. Eine solche Schule kam dann tatsächlich zustande. In den 16 Jahren ihres Bestehens wurden dort mehr als 200 überzeugte Katholiken herangebildet, die später als Diplomaten, Offiziere oder Professoren einen großen Einfluss ausüben werden.

Klemens besucht Kranke
Glasfenster, Tasswitz

4.6. Der Apostel von Wien bei den Armen

Die Armen haben viele Namen – und jeder von ihnen hat ein Herz und ein Gesicht. Pater Hofbauer hatte eine ausgesprochene Vorliebe für die Kleinen, für die Zukurzgekommenen und Verlassensten. Er „ging lieber mit den Armen um, als mit Reichen und Hochgestellten. Er suchte die Armen, die Angesehenen suchten ihn. Hofbauer war gern unter den Armen wie einer aus ihnen. Er war ein wahrer Vater der Armen für ihre geistigen und leiblichen Bedürfnisse" (P. Madlener).

„Fast täglich ging Hofbauer zu Fuß in die Vorstädte, die damals teils Armenviertel waren. Unter seinem breiten Mantel trug er Lebensmittel und Kleider zu seinen Armen" (P. Kral). „Obwohl das Haus des P. Hofbauer allen offen stand, so zog ihn doch seine Neigung mehr zum Verkehr mit den Personen der niedrigen Stände, mit Armen und Betrübten. Und diesen war nicht bloß sein Haus geöffnet, sondern er selbst besuchte sie gerne in ihren Wohnungen, besonders jedesmal, wenn man ihn verlangte, um sie zu trösten und zu ermutigen" (P. Pajalich).

Unser Heiliger wurde in Wien sehr oft und bei jeder Witterung zu Kranken und Sterbenden gerufen. „Gern erwies er den Kranken eine kleine Aufmerksamkeit. Er nahm Blumen oder sonst eine Kleinigkeit mit, um so den Kranken und Sterbenden Freude zu bereiten" (P. Madlener). „Er soll in den 12 Jahren seines Wieneraufenthaltes über 2000 Menschen im Tod beigestanden sein" (S. Rizzi).

Und dann ließ sich Generalvikar Hofbauer noch etwas anderes zugunsten der Notleidenden einfallen. Er wagte ungeheuer Kühnes. In seinem kleinen Häuschen durften die Armen zu Gast sein, so dass es zeitweise „einem Kloster für Bettler" glich. Der Tisch seiner kleinen Klostergemeinde durfte ein Treffpunkt der Armen sein. „Mittags war die Stube manchmal voll von armen Soldaten, armen Studenten und Bettlern. Er fütterte sie aus den Vorräten, die er in einem winzigen Kämmerlein bereit hielt. Kalte Küche, aber gespendet aus warmem Herzen (Dr. Emanuel Veith).

4.7. Der Apostel von Wien bei der Prominenz

Als Klemens Hofbauer 1808 nach Wien kam, traf er dort wohl einige seiner früheren Freunde wieder, besonders solche aus dem ehemaligen Kreis der „Amicizia Christiana". Ansonsten mag er in der Stadt ziemlich unbekannt gewesen sein. Auch kannte er selber wahrscheinlich nur wenige der einflussreichen Persönlichkeiten, die damals in der Kaiserstadt lebten. Ein paar Jahre später war das völlig anders. Prominente Frauen und Männer suchten Pater Hofbauer auf und vertrauten sich seiner Führung an: der „Fürst der Romantiker" Friedrich Schlegel und seine Frau Dorothea, der ungarische Graf und Politiker Franz von Széchényi mit seiner Gattin Juliana und seiner Nichte Julie Zichy, der Arzt und spätere Domprediger Dr. Emanuel Veith, die Maler Philipp und Johannes Veit, der Sozialwissenschaftler Adam Müller und seine Frau Sophie, der Pädagoge Friedrich von Klinkowström und seine Frau Luise, Metternichs Privatsekretär Josef von Pilat mit seiner Gattin Elise und ihrem Sohn Johannes, der Historiker und Sprachwissenschaftler Friedrich Schlosser und seine hochgebildete Frau Sophie, der damals sehr berühmte Schriftsteller Zacharias Werner, Professor Roman Zängerle und… Die Liste könnte man noch beliebig verlängern.

Wie war so etwas möglich? Wenn wir all diese bekannten Namen hören, können wir nur staunen ob einem solchen Freundschaftsnetz von Berühmtheiten aus der Kunst und Wissenschaft, aus dem Adel und der gesellschaftlichen Oberschicht Wiens, Freundschaftsnetz, dessen geistliches Zentrum die Person eines schlichten Ordenspriesters war. Sicher ist diese Elitegruppe nicht schlagartig, sondern nach und nach entstanden. In Wien wie anderswo wurde in jener Zeit das geistige und kulturelle Leben vorzüglich in gesellschaftlichen (Freundes-) Kreisen gepflegt. Viele der Beichtkinder und Freunde Hofbauers kannten sich untereinander. Sie bildeten unter sich verschiedene Freundschaftskreise, die miteinander so oder anders verknüpft waren. Das seltsame Beziehungsnetz rund um den Apostel Wiens bezeichnet man gewöhnlich mit dem Namen „Hofbauerkreis". Manchmal spricht man auch vom „Romantikerkreis", weil sich Hofbauer im Haus von Friedrich Schlegel oder Adam Müller und im Stammlokal der „Strobelkopfgesellschaft" mehr oder weniger regelmäßig mit berühmten Romantikern traf (Klemens Brentano, Zacharias Werner, Josef Eichendorff usw.).

4.8. Zacharias Werner: Ein Feind wird zum Freund und Helfer

Es würde sich lohnen, hier aufzuzeigen, wie der hl. Klemens mit diesen so verschiedenen, teils so berühmten Menschen einzeln umging. Stellvertretend für alle andern möchte ich hier die Beziehung zwischen ihm und Zacharias Werner schildern. Wie kaum ein anderes seiner Beichtkinder hat gerade Zacharias Werner dem Apostolat Hofbauers in Wien mächtig zum Durchbruch verholfen, nicht zuletzt indem er unsern Heiligen „mit den adligen und gelehrten Kreisen bekannt gemacht hat." Zacharias Werner (1768-1823) war ein haltloser Mensch mit einem zerrissenen Charakter. Er gilt als Begründer des Schicksalsdramas der deutschen Romantik (mit dem Drama „Der 24. Februar"). Der berühmte Bühnendichter wurde sogar von Goethe geschätzt und gefeiert. Das Privatleben dieses fanatischen Freimaurers ließ viel zu wünschen übrig. Er war dreimal geschieden und wechselte von einer Frau zur andern.

In Warschau, wo er preußischer Kammersekretär war, lernte er auch die Bennoniten und Pater Hofbauer kennen und hassen. In einem Brief schrieb er Gehässiges über Hofbauer und „sein fades Geschwätz, welches unglaublichen Schaden auf der Kanzel verursacht. Dies ist ganz der Fall mit den heiligen Reden des Hofbauers." Und er fährt fort: „Alles will ich werden, nur nicht catholisch. Ich sah dort in der Kirche (der Benonen) ein Cruzifix in Lebensgröße von Holz, und Gottlob dieser Heyland hat mich nicht catholisch, aber ein wenig vernünftiger gemacht. Denken Sie sich einen lebensgroßen ausgemergelten Judenbengel am Creutz ausgereckt, verzerrt, über und über mit den scheußlichsten, ekelhaftesten Wunden bedeckt, eine wahre schändliche Fratze! Herr Kriegsraht, ich hätte in dem Augenblick hunderte Dukaten darum gegeben und wohl angewandt, wenn ich dieses Cruzifix auf dem Buckel der Pfaffen hätte entzwey schlagen können!"

Fünf Jahre vergingen. Pater Hofbauer war nun in Wien. Und Werner ist in Rom 1810 katholisch geworden. 1814 wurde er zum Priester geweiht. Als er im Jahr seiner Priesterweihe nach Wien kam, war das eine Sensation. Sein Ruf als Dichter, seine aufsehenerregende Bekehrung, seine originelle und dramatische Art der Predigt – das alles wirkte zusammen, um die Menschen anzulocken und mitzureißen. Zacharias Werner zählt unbestritten zu den bizarrsten Gestalten der deutschen Romantik. Sein Kanzelwort bildete eine der Sensationen während der Zeit des Wiener Kongresses. Wer etwas auf sich gab, musste ihn gehört haben. Der Zulauf zu seinen Predigten war enorm. Schon lange vor Beginn des Gottesdienstes war die Kirche zum Bersten voll. Sogar auf die Altäre und Beichtstühle kletterten die Leute, um sich einen Platz zu ergattern.

„Für einen treuen Freund gibt es keinen Preis" (Sir 6,15). Wahrscheinlich in einem der erwähnten Freundeskreise traf Zacharias Werner unsern Heiligen. Die Begegnung mit Pater Hofbauer überwältigte ihn derart, dass er ihn unverzüglich zu seinem Beichtvater wählte. Dankbar wird der Dichter später gestehen: „Catholisch geworden bin ich erst durch Hofbauer." Und das ist wieder sonderbar! Gerade dieser ehemalige Pfaffenhasser wird nun Hofbauers Gehilfe. „Ein würdiger Mitarbeiter, der ihm in die Hand gearbeitet, war der berühmte Zacharias Werner, bekannt als Convertit, Dichter und Prediger; er war des P. Hofbauers innigster Freund und demütigster Schüler und folgte demselben wie ein Kind aufs Wort. Nicht allein, dass Zacharias Werner jetzt Hofbauer als seinen Seelenführer ehrte, war er auch den Zwecken der Congregation im hohen Grade dienstbar, indem er viele junge Leute, die durch die Predigten erweckt wurden, dem Diener Gottes empfahl. Je mehr Kummer er dem Diener Gottes früher bereitet hatte, desto inniger war die Liebe, die dieser ihm jetzt erwies" (Dr. Emanuel Veith). Von Hofbauer nahm der sonst so empfindliche Schriftsteller alles an. Der heilige Klemens hatte den Mut, dem extravaganten Prediger Werner zu sagen, er solle auf der Kanzel seine Fratzenhaftigkeit ablegen: „Lass dich nicht auslachen und predige ordentlich."

Der Hofbauerschüler Pater Pajalich fasst alles so zusammen: „Als die Wiener hörten, Werner sei in Wien angekommen, er habe sich bekehrt, sei Katholik, Priester, Prediger geworden, liefen sie hin, um ihn zu hören, besonders die Adeligen und Gelehrten. Hofbauer war unter dem gelehrten und adeligen Publikum noch wenig bekannt, bis auf göttliche Fügung der berühmte Werner in Wien auf der Kanzel erschien. Es scheint, Gott habe den berühmten Prediger Werner nicht bloß zu seiner Heiligung nach Wien kommen lassen, sondern aus der zweifachen besonderen Absicht, um nämlich die adeligen und gelehrten Kreise aus ihrer Schläfrigkeit aufzuwecken und um diese mit dem P. Hofbauer bekannt zu machen, der sie zu leiten und zu führen verstand."

Der Tod von Hofbauer war für Werner ein schwerer Schlag. Er schrieb ein 20seitiges Gedicht, das mit diesen Worten beginnt: „Wohin willst du hin denn gehen, ohne deinen Sohn, o Vater?" Zacharias wünschte, in Maria Enzersdorf neben seinem väterlichen Freund beerdigt zu werden. In einer seiner letzten Predigten nannte er den Pater Hofbauer „mein unvergesslicher väterlicher Freund und Führer, mein Lehrer, meine Stütze, meine Kraft." Der Feind ist zum Freund geworden. Vielleicht war das für Werner nicht allzu schwer, denn Klemens war ein Heiliger der Freundschaft.

4.9. Ein heiliger Missionar und hundert
Laienmissionare

Im fast täglichen Kontakt dieser Persönlichkeiten des Adels, des öffentlichen Lebens und der Kirche mit Hofbauer entstand also ein weitverzweigter Freundschaftskreis von Gleichgesinnten. Zwischen vielen dieser Berühmtheiten bestand ein seltsames Beziehungsnetz, dessen geistiges Zentrum Klemens Hofbauer war. Seine Beichtkinder, Freunde und Schüler wirkten als Laienapostel in den vitalsten Bereichen des Lebens: in den Familien, in der Wissenschaft, in der Presse, in der Politik. „Auch wenn Klemens in seiner schlichten Wohnung weilte, hielt er in ganz Wien Mission, weil überall die Freunde in seinem Geist arbeiteten" (P. Pajalich). Es geschah das, was viele Zeugen zu berichten wissen: „Einer rief den andern. Durch Studenten bekehrte er andere Studenten, durch Beamte andere Beamte, durch Künstler andere Künstler, durch Frauen die Männer, und so bekehrte er ganze Familien, immer langsam vorgehend und still" (P. Madlener). Kardinal Rauscher wird das bedeutende Wort wagen: „Hofbauer hat dem Geist der Zeit eine bessere Richtung gegeben."

Aus der Kraft der Gnade. Es ist fast nicht zu glauben, dass sich so viele Menschen aller sozialen Schichten, besonders aber führende Persönlichkeiten, um diesen schlichten Priester scharten, sich seiner Führung anvertrauten, seinen Geist in sich aufnahmen und weitertrugen. Wenn wir fragen, warum sich so viel Wiener Prominenz zu diesem Redemptoristenpater (ohne gründliche akademische Bildung und ohne Doktortitel) hingezogen fühlte und sich von ihm leiten liess, dann stehen wir einfach vor einem Rätsel. Rein menschlich können wir diese Vorgänge überhaupt nicht ergründen. „Durch was für Mittel P. Hofbauer die Macht über die Herzen gewann und wie er es anstellte, dass vorzüglich gelehrte und hochgebildete Protestanten sich zu ihm gezogen fühlten, das ist schwer oder eigentlich gar nicht zu erklären, es sei denn aus der Kraft der Gnade, die als Multiplikator oder überwiegender Faktor seine gottinnigsten Bemühungen so wirksam machte" (Dr. Emanuel Veith).

  1. Teil: Beim Namen gerufen, zum Priester berufen (1751-1785)
  2. Teil: St. Benno in Warschau (1787-1808
  3. Teil: Hofbauer der "Zweite Gründer der Redemptoristen"
  4. Teil: Der Apostel und Patron von Wien (1808-1820)
  5. Teil: Der Triumph eines Toten (1820)
  6. Teil: Gespräch mit einem Toten, der lebt