Kapitel 3:
Der
"Zweite Gründer" der Redemptoristen

Bevor wir das Leben und Wirken Hofbauers in Wien schildern, wollen wir kurz zurück blenden. Der heilige Alfons von Liguori hatte am 30. Mai 1776 geschrieben: „Die Kongregation wird nie eine (Welt-) Kongregation sein, wenn sie nicht auch außerhalb von Neapel gegründet wird." Gerade der erste nichtitalienische Redemptorist Pater Hofbauer sollte dieser Mann der Vorsehung sein, der maßgeblich beteiligt war, um die CSsR (=Congregatio Sanctissimi Redemptoris) zu einer Weltkongregation zu machen. In den 34 Jahren seines Ordenslebens hat er eine ausgesprochene Liebe zu seiner eigenen Ordensfamilie an den Tag gelegt. Wie kein anderer hat er sich bemüht, die Gemeinschaft der Redemptoristen außerhalb Italiens einzupflanzen

3.1. Hofbauer als Generalvikar (ab Mai 1788)

Die jeweiligen Generalobern der Kongregation schenkten Pater Hofbauer großes Vertrauen. Kaum drei Jahre nach seinem Eintritt bei den Redemptoristen hat ihn Pater General am 31. Mai 1788 zu seinem Vikar (Stellvertreter) ernannt. Bis zu seinem Tod wird Hofbauer als Generalvikar den Zweig der Redemptoristen nördlich der Alpen leiten. Er liebte seine Mitbrüder. Manchmal allerdings konnte er auch sehr heftig reagieren, so dass der Generalobere ihm schreiben musste: „Ein Oberer muss vor allem Güte, Menschlichkeit und Klugheit zeigen. Sonst wird er für seine Untergebenen unerträglich. Bemühen Sie sich also, ihre Lebhaftigkeit zu mäßigen. Behandeln Sie Ihre Untergebenen mit Güte, und erschrecken Sie dieselben nicht durch zu große Strenge."

Wie ein Vater. Der Generalvikar sorgte für seine Ordensfamilie wie ein Vater. Der Tod eines Mitbruders setzte diesem Mann mit der rauen Schale und dem weichen Herzen arg zu. Als im Sommer 1796 innerhalb von drei Tagen vier Mitbrüder starben, schrieb er: „Unsere Kommunität hat einen ungeheuren Schaden erlitten. Es geschehe der Wille Gottes. Aber der Schmerz erdrückt uns fast." Mehr noch warf ihn der Tod seines intimsten Freundes nieder. Eines Abends wurde P. Hübl zu einem Sterbenden gerufen. Das war eine Finte. Statt des vermeintlichen Kranken warteten gedungene Männer auf ihn. Die Schergen stürzten sich auf den Pater, knebelten und verprügelten ihn krankenhausreif. Gefesselt wurde Hübl heimlich nach St. Benno geschleppt und vor dem Kloster liegen gelassen.

Kaum ein wenig erholt von diesem ruchlosen Anschlag begab sich P. Hübl ins Militärspital zu den typhuskranken Soldaten. Er wurde angesteckt. Am 4. Juli verschied der Kranke in den Armen Hofbauers. Hübl war sein Freund und seine rechte Hand gewesen. Und jetzt liegt dieser gute Mensch da. Tot! Tot in den Armen Hofbauers! Gestorben im besten Alter von erst 47 Jahren. Pater Hofbauer war niedergeschmettert. Er verlor Fassung und Halt. Seine Briefe zeugen davon: „Die Wunde ist groß. Sie schmerzt! Der Todesfall meines ersten Gefährten hat mich ganz aus der Fassung gebracht. In der Zeit der Betrachtung vor den Füßen des Gekreuzigten scheint man zu allem entschlossen zu sein. Aber sobald als der Herr uns sein Kreuz auflegen will, so ist man ungeschickt, selbes zu tragen. Ein solcher alter Esel bin ich. Ich beteuere, immer nur zu wollen, was Gott will, und dennoch muss ich gestehen, dass ich seit seinem Tode keine glückliche Stunde mehr hatte." Auch die Heiligen haben ein Herz, das bluten kann.

Die Typhusepidemie hat auch dem guten Pater Joseph Passerat seinen Landsmann und Gefährten P. Jakob Vannelet weggerafft. Passerat war niedergeschlagen und vom Schmerz wie gelähmt. In gedrückter Stimmung schrieb er an seinen Obern Hofbauer, am liebsten würde auch er sterben. Das Antwortschreiben des Generalvikars ist ein Meisterwerk christlicher Spiritualität: „Die Verstorbenen sind in der Herrlichkeit. Auch Du willst sterben? Aus Liebe zu Christus? Oder aus Liebe zum ‘Fleisch’, um dem Kreuz zu entgehen? Leiden und mit Christus am Kreuze hangen ist besser als sterben."

3.2. Der Traum eines Heiligen

Der Generalvikar betrachtete es als eine seiner Lebensaufgaben, die Gemeinschaft der Redemptoristen nördlich der Alpen einzupflanzen. Immer wieder träumte er von einem internationalen Seminar, wo er Mitarbeiter sammeln und sie zu Missionaren heranbilden könnte. Er träumte von „einer großen Schar von Missionaren, mit der wir der Kirche in allen Teilen der Welt zu Hilfe kommen können. Ich würde Franzosen, Deutsche, Polen und Leute verschiedener Nationen sammeln, um sie dann zu zweit in jene Länder zu senden, wohin Gott sie rufen wird." Utopie eines Heiligen! Dieses Projekt konnte nie verwirklicht werden.

Mit einer Zähigkeit und Ausdauer ohnegleichen versuchte er, den Redemptoristen stabile Niederlassungen zu sichern, Klöster zu gründen. Zwar hatte er ab 1788 das blühende Seelsorgezentrum von St. Benno. Aber er erkannte sehr deutlich, dass die Bennoniten Gefahr laufen, von einem Tag auf den andern aus Warschau vertrieben zu werden. Weil da alles so unsicher war, fand er nur einen Ausweg, seine Gemeinschaft vor dem Untergang zu bewahren. Er musste in einem andern Land eine feste Niederlassung suchen.

3.3. Des Generalvikars Gründungsreisen

Klemens Hofbauer ist in seinem Leben oft und weit gereist. Wir dürfen ihn ruhig einen Globetrotter nennen. Er machte Wallfahrten nach Mariazell, Altötting, Tschenstochau, Loreto und mehrmals nach Rom – schon als 18jähriger zum ersten Mal. Eine Romreise dauerte an die 400 Stunden. Er reiste fast immer zu Fuß. Oft übernachtete er im Freien. Auch als Generalvikar ist Pater Hofbauer während der Warschauerzeit viel unterwegs gewesen. Er zog von einem Land zum andern: von Polen in die Schweiz, nach Deutschland, Frankreich, Italien. Dabei ging es ihm weder um Wallfahrten noch um Vergnügungsreisen. Es waren eben Gründungsreisen. Meist waren diese sehr mühsam und voller Entbehrungen. Hier wurde er krank, dort fehlte ihm das Geld, anderswo wurde er ins Gefängnis geworfen. Unter den schlimmsten Bedingungen führte er Verhandlungen.

An die zwei Dutzend Gründungsversuche misslangen. Wenige Niederlassungen kamen zustande. Aber auch diese hatten nur kurzen Bestand. Wenn seine Mitbrüder wie gehetztes Wild gejagt und verjagt wurden, setzte das dem Generalvikar arg zu. Die Leiden seiner Mitbrüder waren auch seine Leiden. Obwohl er ein nüchterner Mann war, scheute er sich nicht, ihnen gegenüber die eigenen Gefühle auszusprechen. So schrieb er den verfolgten Mitbrüdern in der Schweiz einen rührenden Brief: „Ich umarme alle und drücke alle an mein Herz. Lebt wohl, Brüder! Ihr meine Freude, meine Krone…"

Von 1795-1804 unternahm Hofbauer von Warschau aus vier Gründungsreisen. Die erste nach Konstanz (1795); die zweite nach Wollerau am Zürichsee (1797-1798); die dritte nach Heiligen Linde im Ostpreußischen Ermland (1799); die vierte nach Jestetten, Joinville (Frankreich) und Rom (1802-1804). Nur in der Warschauerzeit war Hofbauer über 1800 Tage (also ca. fünf volle Jahre!) auf Reisen.

3.4. Wie eine Gründungsreise zum Kreuzweg wird

Stellvertretend für alle andern, schildern wir hier nur die zweite Gründungsreise des Generalvikars. Die Niederlassung der Redemptoristen in Warschau bestand damals ungefähr seit zehn Jahren. St. Benno war inzwischen weit über die Grenzen Polens hinaus bekannt geworden. Leider war diese Niederlassung gefährdet und lief Gefahr, von der klosterfeindlichen Regierung von einem Tag auf den andern aufgelöst zu werden. Da traf unerwartet im Mai 1796 eine Delegation aus der Schweiz ein. Die Abgeordneten baten Pater Hofbauer inständig, im Kanton Schwyz eine Lateinschule und ein Waisenhaus nach dem Vorbild von St. Benno zu errichten. Der Heilige freute sich, denn die Aussichten, in der Schweiz ein Kloster zu gründen, schienen günstig.

Am 11. Juli 1797 nahm Hofbauer mit seinen Gefährten Abschied von den Mitbrüdern in St. Benno. Ihre beschwerliche Reise führte sie über Wien, München und Konstanz. Erst zwei Monate später trafen sie in Wollerau am Zürichsee ein. Dort bezogen Klemens und seine Mitbrüder ein Haus im Hirz, das zum Teil von „Bußbrüdern" bewohnt war. Unverzüglich begannen sie mit den Schulen.

Das jähe Ende der Schwyzer Niederlassung

Bald schon geriet die kleine Kommunität der Redemptoristen in große Not. Sie hatten kein Geld mehr und alles wurde immer teurer. Der Einmarsch der französischen Truppen stand bevor. Es herrschte Angst im ganzen Land. Dazu kamen noch andere, uns nicht bekannte Misshelligkeiten, die den Patres den Aufenthalt in Wollerau zu einem Martyrium machten. Ein weiteres Verbleiben der Redemptoristen in der Schweiz war unmöglich.

Zu allem Elend erhielt der Generalvikar von seinen Mitbrüdern aus St. Benno keine Briefe mehr. Das alles summierte sich. Auch Heilige sind Menschen. Hofbauer erlitt einen psychischen Zusammenbruch; er verfiel einer schweren Depression. Am 6. Dezember schrieb er einen vorwurfsvollen Brief nach Warschau. Er warf seinen Mitbrüder vor, sie möchten ihn am liebsten los werden. Die Patres in Warschau erschraken, als sie den Brief ihres Obern erhielten. Bekümmert schrieb ihm Pater Hübl: „Mein Gott, wie kannst du Dir denn einbilden, dass ich oder jemand anderer von uns nicht gern sehen wollten, dass Ihr wieder zurückkommt? Würde sich denn ein so abscheuliches Betragen mit jener Dankbarkeit und Liebe vertragen können, die ich und wir alle Dir so heilig schuldig sind?… Mein Herz blutet, wenn ich an Eure Lage denke."

Am 14. Februar 1798 verließen Hofbauer und seine Mitbrüder fluchtartig Wollerau und die Schweiz. Über Garmisch-Partenkirchen und Augsburg reisten sie bald zu Fuß, bald im Boot, bald auf einem Bauernwagen nach Krakau. Erst am 21. April um fünf Uhr abends kamen sie dort an. Passkontrolle! Die Polizei entdeckte in Hofbauer einen polizeilich gesuchten Mann. Sein Verbrechen: er hatte im Jahr 1795 auf Bitten der Eltern einen seiner Neffen und einige andere Kinder aus der Gegend von Znaim in seine Schulen von St. Benno aufgenommen. Ohne Erlaubnis der österreichischen Regierung. Dieses Vergehen galt als schwerst strafbare Kindesentführung! – O tempora, o mores!

Hofbauer im Gefängnis. Klemens Hofbauer wurde unverzüglich festgenommen und unter Polizeibegleitung abgeführt. Peinlich genaue Verhöre. Der Polizeiapparat im halben Reich wurde in Bewegung gesetzt. Die Akten wurden hin und her geschickt, wie bei einem international gesuchten Schwerverbrecher. Tage und Wochen verstrichen. Die polizeilichen Schikanen nahmen kein Ende. Nach einer Haft von 106 Tagen war für Hofbauer das Maß voll. Er wetterte über die österreichische Regierung und bediente sich dabei „höchst unanständiger Worte", wie es in einem Polizeibericht heißt. Am Nachmittag des 5. August setzte er dieser Angelegenheit ein kühnes Ende. Er riss aus. Es gelang ihm der Sprung über die Grenze. Am 6. morgens wollte man ihn ein weiteres Mal einvernehmen. Doch – die Zelle war leer. Und „Der Vogel war ausgeflogen"! Mitte August war Hofbauer wieder in Warschau. Er kam dort völlig erschöpft an. So endete diese Gründungsreise in die Schweiz recht erbärmlich. Menschlich gesprochen hat sie ihm nur Strapazen, Leiden, Krankheit und Bitternis gebracht! Unser Heiliger aber gab nicht auf. Betend legte er weiterhin sein Vorhaben in die Hand Gottes. „Nur Mut – Gott lenkt alles".

  1. Teil: Beim Namen gerufen, zum Priester berufen (1751-1785)

  2. Teil: St. Benno in Warschau (1787-1808

  3. Teil: Hofbauer der "Zweite Gründer der Redemptoristen"

  4. Teil: Der Apostel und Patron von Wien (1808-1820)

  5. Teil: Der Triumph eines Toten (1820)

  6. Teil: Gespräch mit einem Toten, der lebt