Kapitel 2:
St. Benno in Warschau (1787-1808)    

Die beiden Neupriester Hofbauer und Hübl sollten im Redemptoristenkloster von Frosinone ihre Theologiestudien beenden und gleichzeitig den Geist und das Leben der Kongregation besser kennen lernen. Aber schon im Herbst dieses gleichen Jahres 1785 rief der Generalobere die beiden deutschen Redemptoristen von Frosinone nach Rom. Er wollte mit ihnen über die Verwirklichung ihrer gemeinsamen Pläne reden. Hofbauer und Hübl sollten mit einem gewagten Auftrag in ihre Heimat zurückkehren. Es ging um nichts weniger als um den Versuch, die Kongregation der Redemptoristen nördlich der Alpen einzupflanzen. Erstaunlich, was der Generalobere den zwei Neupriestern, die erst seit so kurzer Zeit mit den Redemptoristen in Kontakt standen, zutraute!

Im Oktober 1785 zogen die zwei Neupriester nach Norden. Ihr Weg führte sie zuerst zum Wallfahrtsort Loreto und dann durch Tirol nach Wien. Dort nahmen sie an einem Kurs für Katecheten an der Normalschule bei St. Anna teil. Und vor allem streckten sie die Fühler aus, ob in Österreich eine Klostergründung möglich wäre. Bald mussten die beiden Redemptoristen ihren Plan begraben, hatte doch der damals regierende Kaiser Joseph II. in seiner Monarchie nicht weniger als 800 Ordenshäuser aufgehoben.

2.1. „Nimm deinen Stab und geh" (1786-1787).

Im Oktober 1786 verließen die beiden Redemptoristen Wien. Sie hatten vor, über Polen nach Norden weiterzureisen. Ihr Reiseziel ist uns nicht genau bekannt. Vermutlich Russisch-Polen oder Stralsund in Schwedisch Pommern. Als sie zur Donau kamen, begegnete ihnen ein armselig gekleideter Einsiedler. Welch eine Überraschung! Es war Emanuel Kunzmann, Hofbauers Miteinsiedler in Tivoli! Er schloss sich ihnen an. Die drei marschierten weiter nach Tasswitz, wo Hofbauer seine Kindheit verbracht hatte. Klemens besuchte dort seine Verwandten und ging zum Grab seiner Mutter, die etwa drei Monate nach seiner Priesterweihe verstorben war. Wie mag ihm auf dem Friedhof von Tasswitz zu Mute gewesen sein? Dann zogen Hofbauer und seine Gefährten weiter. Es war ein harter Winter. Ihre Reise bis Warschau dauerte vier ganze Monate. Erst im Februar 1787 kamen sie in Polens Hauptstadt an. Sie begaben sich zum päpstlichen Nuntius Saluzzo. Dieser Neapolitaner war persönlich mit Bischof Alfons von Liguori befreundet und galt als großer Gönner der Redemptoristen.

St. Benno in Warschau

2.2. St. Benno in Warschau

In Warschau bestand eine Stiftung aus dem Jahre 1623. Trägerin dieses karitativen Werkes war die Bruderschaft St. Benno. Ihre Kirche war gleichzeitig die Nationalkirche der Deutschen in Warschau. Seit längerer Zeit schon suchte die Bruderschaft vergeblich geeignete Priester, um St. Benno zu betreuen. Die Vorstandsmitglieder, der päpstliche Nuntius Saluzzo und sogar König Stanislaus II. drängten nun Pater Hofbauer, in Warschau zu bleiben. Eine Bittschrift ging an die Generalleitung der Redemptoristen. Im Mai traf die Antwort von Pater de Paola ein. Der Generalobere erlaubte seinen Mitbrüdern, vorläufig in Warschau die begonnene Arbeit weiter zu führen. Zugleich ernannte er Pater Hofbauer zum Obern dieser kleinen Gruppe.

2.3. So armselig fing es an (1787)

Hofbauer, Hübl und Kunzmann konnten anfänglich nur eine nasse Kammer bewohnen. An den Wänden floss Wasser herunter. Die gesamte Hauseinrichtung bestand aus einem Tisch und einigen Stühlen. Betten hatte sie keine. In den ersten Nächten wussten sie nicht, wo schlafen. So legten sich zwei auf die Tischplatte, während es sich der dritte auf einem Stuhl bequem machte. Die Küche übernahm Bruder Emanuel Kunzmann. Er hatte keine Ahnung vom Kochen. Da das nötige Besteck fehlte, schnitzte Emanuel Holzlöffel. Das restliche Küchengeschirr musste man von gutherzigen Leuten entlehnen. Zudem stießen die Bennoniten von verschiedenen Seiten auf Widerstand und Ablehnung.

Es ist fast unglaublich, was Hofbauer mit seinen Mitbrüdern innerhalb von 20 Jahren in Warschau aufgebaut hat. Die Zahl der Mitglieder wuchs zusehends. Im Jahre 1799 zählte die Kommunität bereits 25 Patres und Brüder. In den 20 Jahren von 1788 bis 1808 gehörten 65 Redemptoristen zur Kommunität von St. Benno. Außerdem arbeitete Hofbauer viel mit den Laien und durch die Laien. Ihre Schulung und die Zusammenarbeit mit ihnen gehört wohl zum Originellsten und Überraschendsten im Apostolat Hofbauers. Kurz nachdem Klemens 1787 in Warschau eingetroffen war, begann er, Laien um sich zu sammeln und sie zu Aposteln heranzubilden. Wohl nach dem Muster der „Christlichen Freundschaft" von Diessbach rief Hofbauer bereits 1788 eine Laiengemeinschaft ins Leben. Auch gab er dieser Vereinigung recht ausführliche Statuten.

2.4. Im Dienste der vernachlässigten Jugend

Klemens mit Waisenkindern
Glasfenster in der Klemenskirche in Tasswitz

Die Redemptoristen übernahmen die Armenschule von St. Benno. Vorerst hatten sie nur Platz für 100 Kinder. In der Folge stieg ihre Zahl bis auf 500. Diese Schule hatte zwei Sonderheiten: erstens war der Unterricht unentgeltlich und zweitens war das Armsein die Aufnahmebedingung schlechthin. Grundsätzlich wurden nämlich in dieser Bildungsanstalt nur „arme Kinder" aufgenommen: Waisenkinder, Findelkinder, Kinder von Ausländern, Kinder aus niederen Gesellschaftsschichten. Viele dieser Schüler und Schülerinnen waren Vollwaisen. Daher gründeten die Bennoniten ein Waisenhaus, das zwischen 40-60 Kinder beherbergen konnte.

In Warschau lebten damals sehr viele Soldtaten. Und wie es so geht, diese suchten auch ihr Vergnügen. Viele Mädchen armer Eltern wurden in die Prostitution getrieben, weil das ihre einzige Möglichkeit war, etwas für den Lebensunterhalt zu verdienen. Daher gründete Hofbauer eine Handarbeitsschule für Mädchen, damit sie die fraulichen Handarbeiten erlernen konnten, um dann sonstwie ihr Geld zu verdienen.

Klemens klopft an den 
Tabernakel 
"Herr, es ist Zeit zu helfen"
Glasfenster Tasswitz

Das war ein fortdauerndes Wunder der göttlichen Vorsehung. Täglich musste die große Familie ernährt werden. Oft ging Klemens höchst persönlich betteln. Nicht selten wurde er dabei gehässig abgewiesen. Einmal bei einem solchen Bettelgang schrie ihn ein Mann wütend an und spuckte ihm ins Gesicht. Klemens blieb ruhig. Er wischte sich den Speichel ab und sagte nur: „So, das war für mich. Und jetzt noch etwas für meine Waisenkinder?" Der andere war derart verblüfft, dass er dem Heiligen sprachlos ein schönes Sümmchen in die Hand drückte. Manchmal wusste sich Hofbauer gar nicht mehr zu helfen. Dann begab er sich in die Kirche, klopfte an die Tabernakeltür und flehte: „Herr, hilf! Es ist Zeit!"

2.5. Die immerwährende Mission von St. Benno

Pater Hofbauer schrieb dem neuen Ordensgeneral P. Blasucci, in Warschau sei die religiöse Unwissenheit ebenso groß wie der religiöse Heilshunger. In vielen Kirchen Polens höre man gegenwärtig von der Kanzel her nur Schönrederei und hohle Phrasen. Anderswo würden die Gläubigen durch übergroße Strenge (Jansenismus) vom Kommunionempfang abgehalten. In St. Benno bemühe man sich, das Evangelium als Frohbotschaft zu verkünden. Darum sei der Andrang daselbst enorm groß.

Das missionarische Angebot der Bennoniten war erstaunlich reichhaltig. Die Seelsorge in ihrer Kirche wurde damals schon allgemein eine „immerwährende Mission" bezeichnet. Am Vormittag ab 6 Uhr schloss sich täglich eine Feier an die andere: eine Singmesse; eine katechetische Unterweisung in polnischer Sprache; ein Amt mit Choralgesang; dann eine polnische und eine deutsche Predigt; schließlich ein feierlicher Gottesdienst mit Musik. Am Nachmittag wieder eine deutsche Predigt. Anschließend Besuchung des allerheiligsten Altarssakramentes; dann ein Predigt in polnischer Sprache; der Kreuzweg; verschiedene Andachten; schließlich das gemeinsame Abendgebet. So war das an jedem Werktag. An Sonn- und Feiertagen begann diese „Immerwährende Mission" bereits um 5 Uhr in der Früh.

St. Benno heute

Nach und nach wirkte St. Benno wie ein Magnet. Gläubige kamen manchmal von weit her! Auch Menschen aus andern Glaubensgemeinschaften lernten in St. Benno die katholische Kirche kennen. Die Zahl jener, die sich für die katholische Glaubenslehre interessierten, war so groß, dass man sowohl für die Protestanten wie für die Juden eigene Unterrichtszimmer einrichten musste. Ein Pater führte Kurse und Besinnungstage für Dirnen durch.

In der Liturgie den Glauben feiern und verkünden. Pater Hofbauer betrachtete die Liturgie und die Feier der Sakramente als eine Hochform der Verkündigung. Die Bennoniten versuchten, durch schön gestaltete Gottesdienste, durch Prozessionen und Sakramentsandachten gemeinsam mit dem Volk den Glauben zu feiern. Das war damals zur Zeit der Aufklärung und der religiösen Gefühlskälte fast eine Sensation. Viele Gläubige waren dankbar, dass sie nach St. Benno kommen durften, wo „die schönsten und herrlichsten Gottesdienste von ganz Warschau gefeiert wurden." Und sie staunten: „In dieser Kirche war es, als würde ein ununterbrochenes Fest gefeiert." Täglich wurde mindestens ein Gottesdienst besonders feierlich gestaltet mit Musik und Gesang. Wenigstens zwei Dutzend Violinisten, sogar bekannte Virtuosen, wirkten da mit. An den großen Festtagen hielten die Bennoniten Orchestermessen, die oft zwei Stunden und länger dauerten. Hofbauer schrieb seinem Ordensobern nach Italien: Musik im Gottesdienst? Es gehe hier nicht um Ohrenkitzel, sondern um das Lob Gottes. Durch die Harmonie der Musik könnten des Menschen Herz und Gemüt zu Gott erhoben und mit Andacht erfüllt werden.

Für den Gottesdienst waren nur die schönsten Messgewänder und Kultgegenstände gut genug. Die Prachtentfaltung sollte den Gottesdiensten den Charakter eines Festes verleihen. Je feierlicher die Gottesdienste seien, meinte Pater Hofbauer, um so mehr könne der Mensch Gott erleben. „Das Volk hört mehr mit dem Auge als mit dem Ohr."

In St. Benno galt das Bußsakrament als seelsorglicher Schwerpunkt. Nach der Morgenbetrachtung um 4.30 Uhr hörten die Patres täglich bis in die Nacht hinein Beichte – mit einer kurzen Pause um die Mittageszeit. Die Zahl der jährlichen Kommunionen schnellte in zwanzig Jahren von 2000 auf über 140 000 hinauf.

2.6. Die brutale Vertreibung der Bennoniten (Juni 1808)

Wir können nur staunen ob der riesigen und vielfältigen Arbeit, welche Pater Hofbauer und seine Mitbrüder in Warschau geleistet haben. Sicher, es fehlte auch nicht an Misserfolgen und Rückschlägen. Es lief nicht immer alles rund. Auch hatte Hofbauer seine Feinde. Er musste allerlei Schikanen und Verleumdungen erdulden. 1808 spitzte sich die Lage dramatisch zu.

Eine fatale Zeitungsnotiz. Ein Kurzbericht in der Zeitung löste die Katastrophe aus. Da stand geschrieben, in Warschau treibe ein staatsfeindlicher Orden sein Unwesen. Gemeint waren damit selbstverständlich die Bennoniten. Die Ereignisse überstürzten sich. Hier das Wichtigste im Telegrammstil! Marschall Louis Nicolas Davoust, der neue französische Machthaber von Warschau, will wissen, wer diese Ordensleute sind. Bayerns Ministerpräsident Montgelas, ein Erzfeind der Redemptoristen, antwortet: Die Bennoniten sind verkappte Jesuiten, staatsgefährliche Leute, dicke Freunde von Frankreichs gestürzter Bourbonenfamilie. Der französische Spionagedienst wird eingeschaltet. Hausdurchsuchungen in St. Benno. Harmlose Briefe werden entdeckt und als „hochverräterisches Beweismaterial" taxiert. Davoust schickt einen Bericht an Napoleon: „Ich erlange die Gewissheit, dass diese Leute die Feinde jeder Regierung, besonders aber derjenigen Ihrer Majestät sind. In den von ihnen verteilten Flugblättern heißt es, Ihre Majestät wollen den Papst zwingen, protestantisch zu werden. Der Generalvikar Hofbauer ist ein äußerst gefährlicher Mann." Napoleon antwortet. Höchstpersönlich fordert er die sofortige Vertreibung dieser gefährlichen Ordensleute.

Das Todesurteil vom 9. Juni 1808. Am 9. Juni wird das Auflösungsdekret unterschrieben. Ein befreundeter Polizeibeamter warnt die Patres. Hofbauer teilt seinen Brüdern die Schreckensbotschaft mit. Die Straßen rund um St. Benno sind militärisch abgeriegelt. Die Aufhebungskommission dringt in die Gebäude ein. Bewaffnete Männer treiben die 40 Bennoniten in einem Raum zusammen. Endlose Verhöre. Peinliche Untersuchungen. Die Kirche wird geschlossen und das Haus verriegelt. Die Wut der Bevölkerung wächst. Viele machen sich bereit, um die Patres und Brüder zu verteidigen. Jedoch – bei Ansammlungen in der Nähe von St. Benno schreitet das Militär sofort ein.

Ab – zur Festung Küstrin. Montag, 20. Juni. 4 Uhr morgens. Wagen fahren vor. Die Redemptoristen warten in einem Raum. Reisefertig. Der Kommissär ruft jeden namentlich auf. Sie werden auf verschiedene Kutschen verteilt. Möglichst unauffällig fahren die Wagen aus der Stadt. Auf verschiedenen Straßen. Wie Schwerverbrecher bewacht, werden sie abtransportiert. Ziel: Festung Küstrin. In diesem Bollwerk sind die Bennoniten wieder beieinander. Ihr Werk ist zerschlagen. Die Zukunft ungewiss. Hofbauer bleibt gelassen. Der Generalvikar tröstet seine Mitbrüder und ermuntert sie, „die Heiterkeit des Gemütes zu bewahren".

Der Abschied. Dann schlägt die Stunde der Trennung. Die Patres und Brüder werden je zu zweit in ihre Heimat geschickt. Hofbauer muss von seiner Ordensfamilie Abschied nehmen. Da kann er sich nicht mehr halten. Er wird vom Schmerz überwältigt: „Da ist mir das Herz gebrochen." Die meisten von ihnen wird er im Leben nie mehr sehen. In seinem letzten Brief aus Küstrin schreibt Klemens voll Wehmut: „Es ist dem Vater nicht mehr erlaubt, in der Mitte seiner Söhne zu weilen; den Brüdern ist es nicht mehr gestattet, beisammen zu wohnen."

Wien, Minoritenkirche

Auf dem Weg ins Exil. Pater Hofbauer, ein Bruder und der junge Kleriker Martin Stark wurden nach Wien verbannt. Unterwegs geschah ein Missgeschick. Martin verlor die Ausweise. Als nun die Flüchtlinge in eine Militärkontrolle gerieten, wollte man ihnen die Geschichte mit den verlorenen Pässen nicht glauben. Der französische Kommandant hielt sie für Spione und wollte sie als solche erschießen lassen. Dann beschloss der Befehlshaber, die beiden einzusperren und sich vorerst in Küstrin nach ihnen zu erkundigen. Als die Antwort eintraf, schrieb man Pater Hofbauer und seinem Begleiter die Marschroute Richtung Wien genau vor und ließ sie weiterziehen. „Nur Mut – Gott lenkt alles".

  1. Teil: Beim Namen gerufen, zum Priester berufen (1751-1785)
  2. Teil: St. Benno in Warschau (1787-1808
  3. Teil: Hofbauer der "Zweite Gründer der Redemptoristen"
  4. Teil: Der Apostel und Patron von Wien (1808-1820)
  5. Teil: Der Triumph eines Toten (1820)
  6. Teil: Gespräch mit einem Toten, der lebt